Fehlurteil(e) im MMA?!

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Von Peter Angerer

Ich habe vor einiger Zeit von dem Titelkampf bei Vote MMA zwischen Tobias Huber und Sergej Krämer erfahren und mich sehr über dieses Match gefreut. Ich kenne beide Athleten schon seit Jahren, seit sie im Amateur Shooto ihre ersten Kämpfe bestritten haben. Sergej ist ein technisch anspruchsvoller Kämpfer und Tobias derzeit der amtierende Shooto Champion im Federgewicht. So war ich sehr gespannt, wer in diesem – meiner Meinung nach – sehr gut besetzten Duell letztendlich die Nase vorne haben würde.

Über Facebook habe ich dann erfahren, dass Tobias durch Split Decision 2:1 den Kampf nach fünf Runden verloren hat, das Ergebnis aber eigentlich anders gesehen hätte. Naja, dachte ich mir, das geht wohl jedem Kämpfer nach einer knappen Niederlage so. Ich habe dann mitverfolgt, dass Tobias offiziell Einspruch gegen das Urteil eingelegt hat und dass eine unabhängige Kommission nochmals eine Wertung des Kampfes vornehmen sollte. Heute kam dann die Nachricht von Tobias über Facebook, dass der Einspruch abgelehnt und das ursprüngliche Urteil bestätigt wurde. In der Kommentar-Diskussion auf Facebook fragte ich dann einfach, wer denn den Kampf gewertet habe und wer über den Einspruch entschieden hat. Eine Frage, auf die ich bis jetzt vom Veranstalter Valentino Kerkhof keine Antwort erhalten habe. Allerdings hat mir Valentino kurz darauf den Link zum Youtube Video geschickt und mich gefragt, wie ich denn den Kampf sehen würde. Da meine bessere Hälfte Kristin Handel (Präsidentin der Shooto Kommission) heute nachmittag frei hatte und auch zuhause war, schauten wir uns den Kampf gemeinsam an und werteten jeder für sich den Kampf Runde für Runde mit. Und je länger der Kampf ging, umso unverständlicher wurde mir die Wertung der Punktrichter.

Nach fünf Runden hatten sowohl Kristin, als auch ich, ein Endergebnis von 50:44 Punkten FÜR Tobias. Im Gegenschluss hatte Sergej nicht eine Runde gewonnen nach unserer Wertung. Weil es in der Diskussion mit dem Veranstalter immer um „alte“ und „neue“ Unified Rules of MMA ging, möchte ich anmerken, dass es für die Wertung dieses Kampfes absolut unerheblich ist, ob hier nach altem oder neuem Regelwerk der Unified Rules gewertet würde. Betrachten wir ganz kurz die groben „Eckdaten“ des Kampfes, welche mich zu meiner Wertung veranlasst haben:

  1. Tobias hatte in diesem Kampf insgesamt 13 Takedowns. 12 sichere und einen, den Sergej zunächst verteidigen konnte, dann im Scramble aber wieder in der Unterlage landete. Sergej konnte keinen Takedown erzielen.
  2. Tobias kontrollierte den Kampf zu gefühlten 80% aus der Oberlage in Sergejs Guard oder Halfguard und passierte mehrmals in die Sidemount, Mount und Backmount. Signifikante Positionen, welche Kampfkontrolle zulassen, hatte Sergej wenn überhaupt immer nur für kurze Zeit und konnte keinen Vorteil daraus ziehen.
  3. Zu Beginn der 3. Runde hat Tobias den einzigen klaren Niederschlag des Kampfes und daraufhin die komplette Kontrolle über die gesamte Runde.
  4. Sergej hatte in der 5. und letzten Runde zwei Submission Versuche, welche ernsthaft in Betracht gezogen werden können. Zuerst einen Armbarversuch aus der Guard mit Sweep aus welchem sich Tobias aber sofort befreien konnte und daraufhin sofort wieder in der Oberlage war und kurz vor Rundenende einen Triangle Choke, wobei hier Tobias aber durch das Kampfende „gerettet“ wurde.

Meine Wertung in der Übersicht: Runde 1, 2, 4 und 5 jeweils mit 10:9 für Huber, Runde 3 anhand des Niederschlages und der Dominanz über die gesamte Runde 10:8 für Huber. Vielleicht hätte man mit viel Wohlwollen die 5 Runde Unentschieden geben können, was dann zu einem 50:45 Urteil geführt hätte, aber an dem klaren Punktesieg hätte diese Tatsache herzlich wenig geändert.

Natürlich lässt sich über jede Wertung streiten und wenn ein Kampf über die volle Zeit auf Augenhöhe geführt wird, kommen eben knappe Urteile dabei heraus, was – je knapper der Kampf ist – nicht immer so von Kämpfern verstanden wird. Aber bei diesem Kampf von einem knappen Urteil zu sprechen ist meiner persönlichen Meinung nach bei allem Respekt schon skandalös und zeugt zumindest von grober Unsachkenntnis der Personen, welche das „Urteil“ über diesen Kampf gefällt haben.

Jetzt ist es natürlich immer so eine Sache mit Dingen, die man liest aber nicht sehen kann. Ich habe deswegen dem Veranstalter empfohlen, das Video öffentlich zu machen. Ebenso habe ich mehrmals gefragt, wer denn wie und warum gepunktet hat und wer über den Einspruch entschieden hat. Bevor man diese Fakten nicht öffentlich macht und den Kampf nicht gesehen hat, sollte man sich kein Urteil erlauben. Ich hingegen habe den Kampf gesehen, mit meinem Sachverständnis von mehreren hundert Amateur- und Profikämpfen als Punktrichter oder Kampfleiter gewertet und bin schlichtweg entsetzt. SO ETWAS darf nicht passieren!

Rückkampf hin oder her, ob in Liechtenstein oder sonst wo, da steht ein Sieg, bzw. eine Niederlage, im Kampfrekord der beteiligten Kämpfer, die da einfach nichts zu suchen haben. Gleich, um welchen Gürtel, bei welchem Event oder ob nach „alten“ oder „neuen“ Regeln. Dieses Urteil ist meiner Meinung nach einfach falsch und wird dem Anspruch eines sportlichen Wettkampfes in keinster Weise gerecht.

„Ich habe fertig!“